SYMBOLHAFTER ORT

Das Bild des explodierenden Hakenkreuzes ist Symbol des Scheiterns des Nationalsozialismus geworden. Als die Amerikaner am 22. April 1945 eine Militärparade auf dem Gelände veranstalteten, vernichteten sie in einem symbolischen Akt das NS-Zeichen. Zwei Tage vorher, am „Führergeburtstag“ nahmen sie die Stadt der Reichsparteitage ein. Die Sprengung des Hakenkreuzes ist dabei gleichzeitig der Beginn mit der langen Frage, wie es mit dem Zeppelinfeld weitergehen soll.

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360-Grad-Bild von der Rednerkanzel.

DAS ZEPPELINFELD IN ZAHLEN:

(vgl. Zelnhefer 2002: 80)
  • 1909 landet Graf Zeppelin mit seinem Luftschiff auf der damaligen Wiese und gab dem Zeppelinfeld dadurch seinen Namen.

  • Die Bauarbeiten auf dem Zeppelinfeld dauerten von 1933 – 1937.

  • 285 mal 312 Meter ist das Zeppelinfeld lang.

  • Die Haupttribüne hat eine Höhe von 23 Metern.

  • An den Seiten der Haupttribüne befanden sich Kollonadenreihen mit insgesamt 144 Pfeilern.

  • 2 Feuerschalen an den Seitenwänden der Haupttribüne sollten den imponierenden Rahmen betonen.

  • Das Feld bot Platz für 250.000 Teilnehmer.

  • Dazu kommen 70.000 Zuschauer auf den Seitenwällen.

  • 34 Türme umringen das Gelände von außen. In ihnen sind Toilettenanlagen.

  • Unter der Fassade aus Naturstein halten 8,5 Millionen Backsteine die Zeppelintribüne zusammen.

DIE TRIBÜNE FRÜHER UND HEUTE

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Bildnachweis historisches Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

IDEOLOGIE IN STEIN

Bis heute lässt sich am Zeppelinfeld die klare Hierarchie des NS-Staates ablesen. Unten stehen die Teilnehmer zu Hundertausenden in Reih und Glied. Sie nehmen in diesem Staatsschauspiel die Rolle der „Volksgemeinschaft“ ein. Ihr Blick ist auf die erhöhte Rednerkanzel Hitlers gerichtet. Die Rednerkanzel ist das architektonische Zentrum der Anlage. Jeder Teilnehmer hatte zu ihm aufzuschauen. Vor ihm schworen bei den Reichsparteitagen auf dem Zeppelinfeld der Reichsarbeitsdienst und die politischen Leiter die Treue. Dazu führte die Wehrmacht Schaumanöver auf dem Platz durch. Auch gab es hier ab 1937 den „Tag der Gemeinschaft“, an dem Männer Baumstämme durch die Gegend trugen und Frauen des BDM Volkstänze vorführten. Das Zeppelinfeld schließt Teilnehmer und Zuschauer durch die umliegenden Wälle in einen kultischen Raum ein. Lichtinszenierungen, Feuerschalen und NS-Flaggen unterstreichen den pseudo-religiösen Größenwahn.

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Religiöse Veranstaltungen auf dem Zeppelinfeld. (Quelle: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände) | Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

FRAGWÜRDIGE NUTZUNG

Mit dem Ende des NS-Staates beginnt die „zweite Geschichte“ des Zeppelinfeldes. Das Gelände ist Ort von zahlreichen, höchst unterschiedlichen Veranstaltungen geworden. Bereits 1946 und 1947 fanden auf dem Zeppelinfeld die Feier zum 1. Mai des Deutschen Gewerkschaftsbundes statt (vgl. Schmidt u.a. 2002: 94). Gespenstisch wirkt dagegen der „Sudetendeutsche Tag“ auf dem Zeppelinfeld, der hier in den 50er und 60er Jahren stattfand. An der Stelle, wo früher Hitler stand, wurden an diesen Tagen erneut revanchistische Reden gehalten. 1964 fordert der damalige christdemokratische Bundesminister und gleichzeitig Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Hans-Christoph Seebohm (CDU), die „Rückgabe der geraubten sudetendeutschen Heimatgebiete.“ (Großbongardt u.a. 2011: 245)

Auch für religiöse Feiern wurde die Tribüne benutzt: Am 26. Juni 1955 hielt der amerikanische Wanderprediger Billy Graham eine Zeremonie vor Zehntausenden Menschen. Auch andere Gruppen, wie die Zeugen Jehovas, veranstalteten Großereignisse auf dem Zeppelinfeld. Erst in den letzten Jahren wurden religiöse Veranstaltungen in das Nürnberger Stadion verschoben. Heute finden, so in der Sonderausstellung „Das Gelände“ zu lesen, keine religiösen oder politischen VEranstaltungen mehr auf dem Zeppelinfeld statt. Aus gutem Grund: Solche Veranstaltungen auf diesem Gelände erinnern, auch wenn teilweise unbewusst, an das Staatsschauspiel, was hier bis 1938 jährlich aufgeführt wurde.

RUINENROMANTIK?

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Bildnachweis historisches Foto: Bundesarchiv, Bild 183-C12658 / CC-BY-SA 3.0
Eventkultur auf dem Zeppelinfeld. | Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

EVENTKULTUR

Neben solchen teilweise problematischen Veranstaltungen, ist das Zeppelinfeld seit der frühen Nachkriegszeit Veranstaltungsort. Bereits 1947 findet auf dem Gelände zum ersten Mal ein Motorradrennen rund um die Zeppelintribüne statt, der Norisring. Die Veranstaltung wurde von den amerikanischen Besatzern gefördert (vgl. MotorSportClub Nürnberg 1997: 44): Sie halfen bei der Organisation und lieferten den benötigten Treibstoff für die Motorräder, den es ansonsten nur auf einen Bezugsschein gab. 60.000 Menschen kamen zur Premiere des Rennens. Das Rennen ist heute eine der größten Sportveranstaltungen Nürnbergs und genießt einen internationalen Ruf.

1978 kommt Bob Dylan im Zuge seiner ersten Tour durch Deutschland nach Nürnberg, um auf dem Zeppelinfeld ein Konzert zu geben. Die Idee kam vom Veranstalter Fritz Rau. Er überzeugte den Juden Dylan davon, das Konzert an dem Ort zu veranstalten, wo die Täter des Holocausts sich selbst beschworen. Nachdem die Band vor dem Auftritt die Nazi-architektur auf dem Gelände in Augenschein genommen hatte, beschloss sie in Straßenkleidung aufzutreten und nicht im eigentlichen Bühnenoutfit. 80.000 Menschen kamen zu dem Konzert, bei dem neben Dylan auch noch Eric Clapton, Sonny Terry & Brownie Mc Ghee auftraten. Die Bühne war vor der Zeppelintribüne aufgestellt, die Zuschauer auf der Zeppelintribüne. In einem Rückblick erzählt der Veranstalter, dass er Dylan nach dem Konzert angerufen hätte und sagte: „Bob, 80 000 Germans turned their back to Hitler – and their face to you.“ (Rau zit. nach Stadt Nürnberg 2013: 20). Heutzutage findet das jährliche Rockfestival „Rock im Park“ auf dem ehem. Reichsparteitagsgelände statt. Die Zeppelintribüne wird dabei jedoch nicht mehr benutzt.

In den 1980er Jahren, als Boris Becker und Steffi Graf ihre größten Erfolge feierten und ganz Deutschland im Tennisfieber war, wurde die Rückwand der Zeppelintribüne für Tennis- und Squashspiele benutzt (vgl. Schmidt u.a. 2002: 249). Das endete jedoch, als die Tribüne mehr und mehr abgesperrt werden musste aufgrund von Steinschlaggefahr. Sport findet hier heute jedoch immer noch statt: Auf dem Zeppelinfeld spielen die Nürnberger American Football-Mannschaft, die „Nürnberg Rams“. Das Stadion des FC Nürnbergs ist direkt gegenüber. Auf der Straße vor der Zeppelintribüne wird Rollhockey gespielt, Kinder lernen hier das Inlinerfahren. Diese vielseitige Nutzung, auch „Trivialisierung“ (ebd.) genannt, schaffte es auf eine ganz unterschwellige Art, den Ort von seiner Geschichte von 33-45 teilweise zu lösen oder zumindest mit ihr zu leben.

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DER „GOLDENE SAAL“

Im Inneren der Zeppelintribüne befindet sich der „Goldene Saal“. Der Raum hat seinen Namen durch seine goldschimmernde Decke, die aus einem Mosaik besteht. Die Deckenkonstruktion ist, genauso wie die ganze Architektur, nur hohler Pomp: Die Steine sind nur golden eingefärbt. Wenn man genau hinsieht, erinnert das Mosaik an Hakenkreuz-Symbole. Der Raum wirkt auf den Betrachter gespenstisch. Er ist kalt, wie ein Grab. Manchmal kann man dumpfe Stimmen hören, wenn Besucherinnen und Besucher sich auf der Zeppelintribüne unterhalten. Bis auf eine Feuerschale, die eigentlich auf den Seitenwänden der Zeppelintribüne bei den Parteitagen für die sakrale Atmosphäre sorgen sollte, ist der „Goldene Saal“ leer. Zwei Treppen führen zu einer Tür, aus der Hitler hätte zur Rednerkanzel hinaus schreiten können. Er hat es jedoch immer bevorzugt, mit dem Auto zur Zeppelintribüne vorzufahren und dann durch die Menschenmassen auf der Tribüne die Treppen hinauf zu gehen. So ist diese Tür Sinnbild für die Nürnberger Bauweise: Erst einmal schnell bauen und hinterher überlegen, ob man das überhaupt nutzen will. 1938 wurde der Goldene Saal fertig gestellt. Ob hier jemals im Nationalsozialismus Menschen waren, ist nicht klar: Es gibt weder foto- noch sonstige Nachweise, ob und wie dieser Raum genau genutzt wurde. Einzig amerikanische GI’s haben nachweislich Spuren hinterlassen: Grafittis im oberen Stockwerk aus den frühen Jahren nach dem Krieg sind bis heute erhalten.

Der „Goldene Saal“ wurde 1984 restauriert, um den Besucherinnen und Besuchern die „Kälte totalitären Bauens spüren“ (o.V. 1984: o.S.) zu lassen. Anlass war die geplante erste wirkliche Aufarbeitung über die Reichsparteitage und Nürnberg im Nationalsozialismus. Der „Goldene Saal“ öffnete ab 1985 bis 2001 in den Sommermonaten seine Türen für die Ausstellung „Faszination und Gewalt“. Doch die finanziellen Mittel waren eher kärglich: Während für die Restauration der Innenarchitektur Albert Speers eine halbe Millionen DM ausgegeben wurden, blieb für die Ausstellung nur 80 000 DM zur Verfügung. (vgl. Dietzfelbinger/Liedtke 2004: 121) Da der Raum nicht geheizt werden konnte, musste die Ausstellung in den Wintermonaten schließen. Sie blieb eher ein Provisorium bis 2001 das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in der Kongresshalle eröffnet wurde, unter dem gleichen Titel „Faszination und Gewalt“. Heute ist der „Goldene Saal“ abgeschlossen. Bei den geführten Rundgängen um das Gelände von „Geschichte für Alle e.V.“ kann jedoch ein Eindruck gewonnen werden, wie die Nationalsozialisten auch mit Inneneinrichtungen die Allmacht des Systems zeigen und Menschen einschüchtern wollten.

 

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Bildnachweis historisches Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

LITERATURVERZEICHNIS

 
  • Dietzfelbinger, Eckart; Liedtke, Gerhard (2004): Nürnberg – Ort der Massen. Das Reichsparteitagsgelände Vorgeschichte und schwieriges Erbe. Augsburg: Weltbild

  • Großbongardt, Annette; Klußmann, Uwe; Pötzl, Norbert F. (Hg.) (2011): Die Deutschen im Osten Europas. Eroberer, Siedler, Vertriebene. München: Deutsche Verlags-Anstalt
  • MotorSportClub Nürnberg (1997): 50 Jahre ADAC Norisring. Nürnberg: Druckhaus Nürnberg

  • o.V. (1984): Teure Kälte. In: Der Spiegel 01/1985. Onlinte verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513325.html, zuletzt geprüft am 25.07.2017.

  • Schmidt, Alexander; Windsheimer, Bernd; Wachter, Clemens; Heyden, Thomas (Hg.) (2002): Geländebegehung. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. 3. vollständig überarbeitete Neuaufl. Nürnberg: Sandberg.

  • Stadt Nürnberg (2013): Lernort Zeppelinfeld. Projekt zum Erhalt eines besonderen nationalen Erbes. Nürnberg. Online verfügbar unter https://museen.nuernberg.de/fileadmin/mdsn/pdf/Dokuzentrum/Downloads/Zukunft_Reichsparteitagsgelaende/broschuere-reichsparteitagsgelaende.pdf, zuletzt geprüft am 25.07.2017.

  • Zelnhefer, Siegfried (2002): Die Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg. Nürnberg: Nürnberger Presse (Schriftenreihe des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, Bd. 2).