Interview mit Dr. Reinhard Knodt

Warum sind Sie gegen eine Instandsetzung der
Zeppelintribüne?

Keiner ist gegen eine Instandsetzung im Sinne einer Betretbarkeit, wie der Oberbürgermeister formuliert hat oder der Sicherung gegen einen Zusammenbruch. Doch diese Sicherung kann man auch dadurch erreichen, dass man sie z.B. mit Sand füllt und vermauert. Dies wäre jedenfalls vernünftiger als eine millimetergenaue konservatorische Renovierung, bei der auch das Material ausgetauscht werden soll, was einem immer noch geplanten Teil-Neubau gleichkommt, also der Instandsetzung einer Ruine. Man fragt sich da wirklich wofür!

Was soll stattdessen mit der Tribüne passieren?

Sie soll trittfest gemacht in einem Areal von Gärten nach und nach zu einem Hügel im Gelände werden. Ich rechne, dass das in hundert Jahren der Fall sein wird. Die Gärten sollen, ähnlich den „Gärten der Welt“ in Berlin wieder der Bevölkerung dienen, der einst das Gelände von den Nazis weggenommen wurde um das Aufmarschgelände und diese Tribüne zu bauen. Das Gelände ist seit damals ein verwahrloster Schandfleck im weiten Umfang um die Tribüne. Da geht es nicht nur um diese.

Was sollen das für Gärten sein und welchen Zweck haben sie?

Das Areal soll aus schönen, auch aufwändigen und informativen Gärten aus verschiedenen Kulturen bestehen, also japanischen, islamischen spanischen, englischen, christlichen… Wildgärten, Duftgärten, Schaugärten usw. Diese Gärten sollen vor allem die Freundschaft und das Verständnis der Kulturen untereinander befördern. Die Pflege dieser Gärten mag genauso teuer sein, wie die geplante Instandsetzung des Tribünenrumpfes. Aber gegen die Brutalität des Nazi-Regimes ist es ein besseres Zeichen als der fünfte oder sechste „Lernort“ oder gar ein weiteres Institut für die Bewältigung der Nazizeit dreihundert Meter neben dem Informationszentrum in der „Feldherrnhalle.“ Wobei nichts gegen die bisherigen Lernorte gesagt sein soll. Man sollte aber nun endlich etwas Neues in die richtige Richtung unternehmen statt immer wieder das gleiche Muster der „Bewältigung“ zu wiederholen. Wirkliche Bewältigung heißt, dass man auch weiß, was die richtige Richtung ist, nicht nur dass man ständig betont, welche die Falsche war!

Könnten die Gärten nicht auch falsche Assoziationen wecken, dass so nun „Gras über die NS-Geschichte wächst“?

Das ist eine typische Fehlanwendung einer Metapher, denn das Gras wächst über die Ruine und nicht über die Geschichte! Die Geschichte ist
ein theoretischer Gegenstand. Es ist eher zu befürchten, dass durch den ständig wiederholten Bewältigungsritus „Gras“ über die Geschichte wächst, denn wir hören dadurch auf, uns Gedanken über die wirklich richtigen Strategien zu machen. Wir müssen endlich mal was besser machen wollen als früher – aktiv und jetzt und angesichts einer solchen Stelle. Gras ist ansonsten eine wunderbare Sache. Es zeigt, dass das Leben weitergeht und dass selbst schlimmste Wunden eine Chance auf Besserung haben, wenn man die aus den Fehlern der Hybris gelernten Dinge nicht vergisst. Ansonsten haben wir es nicht in der Hand, wie die Menschen in ein oder zweihundert Jahren über diese Sache denken werden!

Die Stadt Nürnberg betont stets, dass sie die Tribüne und das umliegende Feld erhalten will, damit es zukünftigen Generationen ermöglicht wird, ihren eigenen Umgang mit dem Gelände zu finden. Kein lohnendes Ziel?

Die Stadt Nürnberg betont zwar, dass sie die Möglichkeiten des Geländes offenhalten will. Tatsächlich betreibt sie aber eine im Grunde empörende und würdelose Mehrfachnutzung eines Gedenkortes als Autorennplatz und als Bühne für Open-air Konzerte. Dieser Ort ist aber keine Mehrzweckhalle. Es ist atmosphärische Taubheit mit durchsichtigen Geschäftsinteressen verbunden, zu meinen, man könnte
ein Mahnmal auf diese Weise pragmatisch mehrfach nutzen. Wir bauen aus gewissen Gründen keine Tankstellen auf Friedhöfen. Aber Autorennen um einen Gedenkort, das kommt den Stadträten wohl besonders schlau vor.

Wäre eine „Begrünung“ der Anlage nicht hinderlich für eine historisch-bildende Auseinandersetzung mit dem Gelände?

Eine „historisch-bildende Auseinandersetzung“ mit der Anlage wäre vielleicht möglich, wenn man nicht bereits sehr früh an die Verstümmelung derselben gegangen wäre. So wie es jetzt ist kann man ihn kaum atmosphärisch „erfahren“ wie er gemeint war! Es handelt sich um einen Stumpf, der im Inneren im Wesentlichen aus Toiletten und einer Riesengarderobe und Treppenaufgängen für ein paar tausend Menschen besteht. Ein Hügel wurde viel eher darauf hinweisen, dass man sich vielleicht historische Fotos ansehen sollte. Eine Rekonstruktion der Säulenkrone würde diese Möglichkeit schaffen, aber die würde wahrscheinlich kaum jemand gut finden.

Der Unterschied zwischen einer „Begrünung“ und einer durchdachten Anlage von Gärten ist gewaltig. Eine „Begrünung ist eine Verlegenheitsmaßnahme, mit der man etwas Hässliches versteckt, ein Garten ist eine intellektuelle Aufgabe. Das ist im Nürnberger Stadtrat vielleicht nur teilweise bekannt, weil die Gartentradition in Nürnberg abgebrochen ist. Eine richtige Gartenanlage und eine wirklich gelungene Einbindung des Tribünenrumpfes könnte diesen sogar besser als das „zeigen“ was er ist, als wenn man ihn rekonstruiert und weiterhin im
verwahrlosten Umfeld stehen lässt und mit Autos drum herum rast. Den Nürnbergern geht es aber im Moment noch immer um die Mehrfachnutzung, die eigentlich fallen sollte! Entweder Geld vom Bund für ein „Denkmal“ oder kommerzielle Nutzung, denke ich.

Das Reichsparteitagsgelände ist ein unbequemer Ort, die
Gebäude der Nazis sind nicht gerade eine Augenweide. Ist das aber nicht gerade die Stärke des Geländes bei der pädagogischen Arbeit?

Die „pädagogische“ Arbeit ist angesichts des heutigen verwahrlosten Zustandes nicht wirklich ehrlich. Die Verwahrlosung stammt nämlich
nicht von den Nazis, die ja einen Altar der Bewegung beabsichtigten, sondern aus der bewussten Schäbigmachung und Mehrfachnutzung, dem jährlichen Anbohren der Tribünenkrone, um dort Sitzgelegenheiten und Gitter zu montieren. Hier werden zum Teil fünf Zentimeter starke Löcher einen halben Meter tief gebohrt, damit die Bühnen oder Sitzreihen aufgestellt werden können, was man dann nach fünfzig Jahren verschämt den „Zahn der Zeit“ nennt. Wenn das Gelände sich
in den letzten 50 Jahren in eine architektonisch verstümmelte Kloake verwandelt hat, dann sagt sie nichts über die Nazis aus, sondern über die, die aus einem belasteten Ort einen verwahrlosten Ort gemacht
haben, weil sie die Kraft nicht aufgebracht haben, etwas Entschiedenes zu tun. Und wenn man fünfzig Jahre lang dort Löcher in die Krone bohrt und das Ding steht immer noch, ist das höchstens ein Zeichen für die
erstaunliche Haltbarkeit des Speer-Baus und keinesfalls für die
schlechte Bauweise der Nazis die tausend Jahre halten sollte und schon nach 70 Jahren verfällt.

Das Reichsparteitagsgelände wird heute neben einer historischen, pädagogischen Arbeit für verschiedene Großveranstaltungen genutzt. Sie fordern die Stadt auf, diese abzuschaffen. Aber sind nicht gerade Rockkonzerte ein schönes Beispiel, dass hier heute keiner mehr in Reih und Glied steht, sondern sich frei bewegen kann?

Nein, das sind sie nicht, denn es kommt bei Massenveranstaltungen
nicht darauf an, ob man in Reih und Glied steht, wenn man kollektiv ein Idol anbetet oder ober man mit-rockt! Es ist also kein Gegensatz. Es ist eine Weiternutzung und wenn AC/DC dort mit Altdeutscher Schrift und
leicht abgeänderter SS-Runensymbolik auftritt, wird auch der letzte begreifen, dass das nichts mit Bewältigung zu tun hat, sondern mit Fortführung auf der Folklore-Ebene. Der einzige Unterschied scheint mir zu sein, dass heute Eintritt bezahlt wird.

Albert Speer hat nach 1945 von einer geplanten „Ruinenromantik“ gesprochen, wenn das „tausendjährige Reich“ einmal enden sollte und die architektonischen Hinterlassenschaften als Ruinen von der „einstigen Größe“ zeugen. Aber liegt hier nicht die Gefahr ihres Ansatzes, dass durch den Verfall der Tribüne, umringt von grünen Gärten, diese „Ruinenromantik“ erst in Wirklichkeit entsteht?

Die Gefahr der Ruinenromantik ist in Deutschland tatsächlich gegeben und sie ist leider auch deftig mit antijüdischem Ressentiment verbunden. Da hat Speer ganz recht gesehen. Sein Motto war: Mache jemanden zum Romantiker, dann wird sich das antijüdische schon von selber einstellen! Wackenroder Tieck, Achim v. Arnim usw. sind in ihren christlichen Tischgesellschaften in Berlin zum Teil verbal recht ekelhaft gegen jüdische Mitbürger aufgetreten. Insofern ist die Ruinenromantik, (auch Wagner war ja Antisemit!) wirklich eine Gefahr- vor allem in Franken mit seiner Mittelalterduselei gerade auf dem Hauptmarkt – dem
ehemaligen Judenviertel.
Doch ein Garten und dessen Kultivierung und Pflege ist das Gegenteil der in der romantischen Burgenverehrung und Mittelaltersehnsucht geübten Art der ästhetischen Schwelgerei und Kraftmeierei. Eben keine
Ruinenromantik und falsche Altväterlichkeit, sondern Gärten, also Bildung – mit einem dort sichtbaren, vielleicht störenden „Rest“, und der Verzicht auf Lärm und Gebrüll an dieser Stelle ob von Hitler, Autorennen oder Popp-Jüngern.

Bekommen die Bauten von Speer über 80 Jahre später mit der Errichtung von Gartenanlagen nicht eine Bedeutung, die er nicht verdient?

Er bekäme sie durch eine Rekonstruktion erst recht! Ansonsten gilt wohl: Speer, wie auch das neue Frankfurter Architekturbüro Speer hat eine immense Bedeutung gehabt und hat es noch – und zwar für Groß-und Massenbauten des gerade herrschenden Systems nach neuesten technischen Gesichtspunkten. Speer wird also nicht dadurch bedeutungslos, dass seine Arbeits- und Materialbeschaffungsmethoden
ruchlos waren. Die Ruchlosigkeit sollte uns vielmehr widerwärtig sein! Die Bauten sind sicher bessere, d.h. es sind solidere und
formgewaltigere Bauten als die, die Bundesrepublik Deutschland
mitunter errichtet. Ich persönlich ziehe zwar das Haus der Kulturen der Welt dem Olympiagelände in Berlin vor, aber Speer war deswegen sicher kein unbedeutender Architekt.