73 MILLIONEN EURO

„Obwohl die Stadt Nürnberg Jahr für Jahr erhebliche Summen in den Bauunterhalt steckt, sind fast 80 Jahre nach der Fertigstellung die Schäden an den Bauwerken erheblich. Sie sind inzwischen so weit fortgeschritten, dass nur eine baldige Generalinstandsetzung einen dauerhaften Verfall verhindern kann.“ (Stadt Nürnberg 2013: 7). Mit diesen Worten wird der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Dr. Ulrich Maly, in einer Broschüre über die geplante Instandsetzung zitiert. Laut ihm sprechen mehrere Gründe für einen Erhalt:

  • Ohne eine Instandsetzung würde das Zeppelinfeld nach und nach umzäunt werden. Somit wäre das Gelände der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

  • Dazu befürchtet die Stadt eine ungewollte „Mystifizierung“ (ebd.) des Ortes.

  • Ein Verfallenlassen von Orten der Inszenierung des NS-Staates würde die „mahnende Erinnerung an das NS-Regime“ (ebd.) erschweren und wäre demnach ein Beitrag zur Verharmlosung.

  • Das Zeppelinfeld sei heute ein „authentischer Lernort“ (ebd.), dessen Bedeutung in Zeiten wegfallender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch bedeutender wird.

„Es geht nicht um eine Restaurierung oder gar eine Rekonstruktion, sondern um eine langfristige Sicherung des Status quo, der auch nachfolgenden Generationen die Möglichkeit zur eigenen Auseinandersetzung lässt“ (ebd.), wird Maly zitiert. In den Jahren 2014 bis 2016 wurden anhand von zwei „Musterflächen“ auf dem Zeppelinfeld und der Zeppelintribüne, mögliche Formen einer Instandsetzung getestet, um daraus zu einem detaillierteren Bild zu gelangen, wie eine „Generalinstandsetzung“ (ebd.: 42) aussehen könnte und wie teuer eine solche Maßnahme sein würde. Im Oktober wurden die Ergebnisse vorgestellt.

Eine komplette Instandsetzung des Zeppelinfeldes samt Zeppelintribüne würde circa 73 Millionen Euro kosten, die sich gleichmäßig auf zwölf Jahre Bauzeit verteilen würden (vgl. Stadt Nürnberg 2016a: o.S.) Davon würden 20 Millionen Euro auf Steinmetzarbeiten entfallen. Die Ergebnisse der Instandsetzung an den Musterflächen ergaben, dass an der Fassade der „größte Teil der Originalplatten erhalten“ (ebd.) werden könne, etwa 25 Prozent müssten ausgetauscht werden. Die Stufen der Zeppelintribüne könnten erhalten werden, jedoch müssten die Fugen abgedichtet werden. „Somit kann eine optische ‚Modernisierung‘ der Anlage vermieden werden.“ Eine Nutzung der Wallanlage des Zeppelinfeldes wäre für Besuchergruppen „problemlos möglich“. (ebd.) In den Innenräumen der Zeppelintribüne sollen laut Planung statische Sicherungen durchgeführt werden. So soll der sog. „Goldene Saal“ im Innern der Zeppelintribüne in Zukunft für die Allgemeinheit geöffnet werden. Die hohe Summe von über 70 Millionen Euro sollen sowohl vom Bund, dem Land Bayern und der Stadt Nürnberg getragen werden. Der Finanzminister von Bayern, Markus Söder, hat der Staat versprochen, dass „für je zwei Euro, die der Bund zur Verfügung stelle, ‚ein Euro aus Bayern folgen‘“ würde (Rietig 2017: o.S.).

WARUM ERHALTEN?

BESUCHER AUF DEM GELÄNDE.

Doch die Frage stellt sich, warum eine solche immense Summe für ein Bauwerk aufgewendet werden sollte. Die Stadt Nürnberg betont dabei die Bedeutung des historischen Ortes. Viele, auch internationale, Besucher kommen auf das Gelände. Um dies mit Zahlen belegen zu können, hat das Kulturreferat der Stadt Nürnberg die „Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg“ beauftragt, eine Besucherumfrage auf dem ehem. Reichsparteitagsgelände durchzuführen (vgl. FAU Erlangen-Nürnberg 2017: 2). Insgesamt haben 663 Personen teilgenommen. Die Studie kam zu folgenden Ergebnissen:

1.120 Menschen pro Tag auf der Zeppelintribüne

„Das ehemalige Reichsparteitagsgelände ist ein hoch frequentierter Ort und zieht Besucherinnen und Besucher aus ganz Deutschland und dem Ausland an.“ (ebd.: 6) So nehmen jedes Jahr 237.000 Menschen an einem geführten Bildungsangebot auf dem Gelände oder im Dokumentationszentrum teil. Darüber hinaus ergab eine Beobachtung während der Studie, dass die Zeppelintribüne pro Tag von etwa 1.120 Personen frequentiert wird.

Hohes Interesse am historischen Ort

„Das ehemalige Reichsparteitagsgelände stößt auf hohes Interesse.“ (ebd.: 9) Die Motivation eines Besuchs des Geländes ist dabei geprägt von dem „‘doppelten‘ Nutzungscharakter des Geländes“ (ebd.). So gaben 48 Prozent an, aus einem historischen und/oder politischen Interesse den Ort zu besuchen. Dagegen gaben 39 Prozent an, den Ort zu Erholungszwecken aufgesucht zu haben. Diese Personen stammen vornehmlich aus der näheren Umgebung.

Historische Orte sind aussagekräftig

„Den einzelnen baulichen Zeugnissen und dem Gelände insgesamt werden als historische Orte eine hohe Bedeutung zugewiesen.“ (ebd.: 18) 71,2% der Befragten schätzten das Gelände als einen „aussagekräftigen historischen Ort“ (ebd.) ein, durch den sie zusätzliche historische Erkenntnisse sammeln können. Auch stimmten sie mehrheitlich der Aussage zu, dass einem Geländebesuch ein „eigenständiger, hoher Erkenntniswert“ beigemessen wird. Am häufigsten werden die Kongresshalle (83,5 Prozent), die Zeppelintribüne (74,5 Prozent) und die „Große Straße“ (69,8 Prozent) besucht. Selbst weiter entfernte Orte wie der Luitpoldhain (41,3 Prozent) und die Fundamentreste des Märzfelds (22,0%) werden relativ häufig frequentiert.

Positive Bewertung des Informationssystems

„Das bestehende Informationssystem wurde von 93,1% der Befragten wahrgenommen, von 81% genutzt und von 77,6% der Personen auch positiv bewertet.“ (ebd. 21)

Wunsch nach multimedialen Informationen und besserer Orientierung

„Es lässt sich konstatieren, dass mehr Informationen – auch in Form neuer Medien oder eines Gelände-Audioguides – insbesondere von der Gruppe der jüngsten Befragten gewünscht werden.“ (ebd.) Des Weiteren werden eine bessere Beschilderung auf dem Gelände vorgeschlagen, dazu Markierungen möglicher Laufwege. Zudem wird häufiger auch der Wunsch (insgesamt 18,9 Prozent der Befragten) nach einem Erhalt der baulichen Substanz geäußert.

Die Ergebnisse der Studie werden für die Befürworterinnen und Befürworter einer Instandsetzung wichtige Zahlen geben, um die Zusicherung der finanziellen Förderung von Bund und Land zu erhalten. So wird die Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, Julia Lehner zitiert: „Die Zahlen aus der Studie beweisen, dass die Stadt auf dem richtigen Weg ist.“ (Pelke 2017: o.S.) Tatsächlich ist die hohe Zahl an Besucherinnen und Besuchern von durchschnittlich 1.120 Menschen auf dem Zeppelinfeld erstaunlich. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass diese Zahl eine grobe Schätzung, basierend auf einer dreitägigen Beobachtung im Mai und Juli 2016 ist (vgl. ebd.: 2). 

WARUM ERHALTEN?

ERWEITERUNG DES PÄDAGOGISCHEN PROGRAMMS

„Der Erhalt ist kein Selbstzweck, er ist Grundvoraussetzung für eine umfassende und den aktuellen Herausforderungen angepasste Bildungs- und Vermittlungsarbeit“ (Stadt Nürnberg 2016c: 1), argumentiert das Kulturreferat der Stadt Nürnberg sein Vorhaben einer Instandsetzung des Zeppelinfelds und der Zeppelintribüne.

Im Jahr 2015 und 2016 wurden im Stadtrat zwei Konzepte über eine zukünftige Vermittlungsarbeit beschlossen. „Insbesondere für Menschen ohne eigene biographische Bezüge und künftige Generationen gewinnen diese Bauten als anschauliche Koordinaten der kollektiven Erinnerung zunehmend an Wert.“ (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände 2015: 5)

Die Stadt Nürnberg möchte einen Schwerpunkt des pädagogischen Programms auf ein erweitertes Geländeinformationssystem“ (ebd.: 7) legen. Insbesondere durch  verbesserte Orientierungsmöglichkeiten und eine erhöhte Barrierefreiheit soll der Ort selbst Teil der historischen Aufarbeitung sein. Dazu möchte man Geländekarten mit Angaben über die Entfernung der einzelnen Gebäude und Informationsstellen herausgeben, sowie ein „Tastmodell“ (ebd.) des gesamten Geländes in der Nähe des Dokumentationszentrums. Es sollen mit Hilfe eines Leitsystems und mobiler Anwendungen (Apps) für das Smartphone und Tablet die Orientierung erleichtern werden.

Die Stadt möchte Teile des Zeppelinfeldes und der Zeppelintribüne für die Allgemeinheit zugänglich machen. So soll durch die Öffnung einer der Ecktürme am Zeppelinfeld die imposante Architektur „mit Festungscharakter von außen und der nüchternen Innenansicht mit der Funktion als Toilette“ (ebd.: 11) dekonstruiert werden. Des Weiteren soll der „Goldene Saal“ ganzjährig öffentlich zugänglich sein. „Den Besuchern/innen Einblick zu gewähren und die Chance zu ergreifen, über die historische Bedeutung dieser Räumlichkeiten aufzuklären, trägt entscheidend zu ihrer nachhaltigen Entmystifizierung bei.“ (Stadt Nürnberg 2016b: 9) Auch soll es durch die Instandsetzung möglich sein, von der Zeppelintribünenoberseite aus durch ein bisher verschlossenes Treppenhaus zur Tribünenrückseite zu kommen.

Neben einer verbesserten Wegeführung und einer Öffnung großer Teile der Anlage, sollen auf dem gesamten ehemaligen Reichsparteitagsgelände sogenannte „Sehepunkte“ (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände 2015: 8) entstehen. „Die Sehepunkte machen aus einem herkömmlichen Lernort einen modernen ErfahrungsRaum.“ (ebd.: 8) So sollen unter anderem „Guckkästen“ im Innenhof der Kongresshalle und am Grundstein vom „Deutschen Stadion“ besser verdeutlichen, wie diese Bauten hätten aussehen sollen. Dazu sollen „analytische Impulse“ die geplante Wirkung der Bauten auf dem Gelände gleichzeitig dekonstruieren. Es soll eine Aussichtsplattform entstehen, von der aus das gesamte Gelände überblickt werden kann. Gleichzeitig soll es auf der Aussichtsplattform ein Geländepanorama mit Markierungen der einzelnen Geländeteile geben, wodurch auch über die Geschichte weiter entfernter Teile des Geländes informiert werden kann. Auf der bisher nicht öffentlich zugänglichen Zuschauertribüne auf dem Zeppelinfeld soll ein 3D-Guckkasten installiert werden, mit Hilfe dessen, die „zeitgenössische Raumwirkung“ (ebd.) veranschaulicht werden soll. Ähnlich soll durch einen weiteren Guckkasten die Perspektive der Teilnehmer auf dem Feld ermöglicht werden.

Die Stadt plant weiterhin, die derzeit festinstallierten Barrieren für das Norisring-Rennen durch ein mobiles ersetzt werden. Die Baumreihe auf dem Gelände soll entfernt werden. Dasselbe gilt für einen kleinen Flachbau, der sich direkt in der Hauptsichtachse des Feldes befindet. In diesem sind vor allem Umkleiden für die Sportvereine, die auf dem Gelände trainieren.

Des Weiteren soll laut Planung auch das pädagogische Angebot des Dokumentationszentrums erweitert werden. So soll das bisherige „Studienforum“, ein Seminarraum für Projekte mit Schülerinnen und Schülern sowie weiteren Jugend- und Studiengruppen, ausgebaut werden zu einem „Forum für Geschichte und Gegenwart“ (Stadt Nürnberg 2016b: 3). Dort sollen historische Themen „mit ihren Bezügen zur Gegenwart behandelt“ (ebd.) werden. Dazu soll ein Medien- und Recherchezentrum entstehen, mit Hilfe dessen eigenständiges Arbeiten und eine Vertiefung von Themen möglich ist und auch an eigene Medienprodukte (Filme, Videos etc.) erstellt werden können (vgl. ebd.: 7).

Im „Goldenen Saal“ soll ein „Projektraum“ eingerichtet werden, der der Bildungsarbeit „die Möglichkeit experimenteller und kreativer Zugänge zur Geschichte des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes“ (ebd.) eröffnen soll. Auch soll der notwendige Platz geschaffen werden für kunst- und medienpädagogische Vermittlungsansätze. Die Ergebnisse dieser Projektarbeiten sollen dann öffentlich zugänglich gemacht werden. Des Weiteren soll die Dauerausstellung „Faszination und Gewalt“ bis zum Jahre 2022 neu entwickelt werden und „aktuellen Präsentations-Standards“ (Franke 2017: o.S.) angepasst werden. Der Bund und das Land Bayern haben bereits zugesagt, sich an den Kosten von insgesamt 15,3 Millionen Euro für die Neugestaltung der Dauerausstellung zu beteiligen.

DIE PERSPEKTIVE DER „FÜHRUNG“

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Bildnachweis historisches Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

DIE PERSPEKTIVE DER ZUSCHAUER

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Bildnachweis historisches Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

ZUSAMMENFASSUNG DER ARGUMENTE

Die Stadt Nürnberg hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, die geplante Instandsetzung der Zeppelintribüne zu realisieren. Sie ließ für 3 Millionen Euro ausgewählte Musterflächen instandsetzen, um so eine belastbare Kostenschätzung über eine Gesamtinstandsetzung zu ermitteln. Gleichzeitig hat sie ein umfangreiches didaktisches Konzept entwickelt, wie die Vermittlungs- und Aufklärungsarbeit über das Gelände zukünftig aussehen soll. Dabei sollen sowohl die Ausstellung im Dokumentationszentrum, die weitere pädagogische Arbeit auf dem Gelände und das Informationssystem für Besucherinnen und Besucher, die das Gelände „auf eigene Faust“ erkunden, erweitert werden. Des Weiteren hat sie mit Informationstagen, einem Symposium und einer Sonderausstellung „Das Gelände. Dokumentation. Perspektiven. Diskussion.“ intensiv versucht, für ihre Position zu werben.

DIE GEGENPOSITION: KEINEN BAUERHALT FÜR NAZI-TEMPEL

Die Frage, ob die Orte der Inszenierung des NS-Regimes für über 70 Millionen Euro „trittfest“ gemacht werden sollen, scheidet die Geister. 2014 fragt der Historiker Norbert Frei in einem Kommentar in der „Zeit“: „Gibt es vernünftige politische, gesellschaftliche oder ästhetische Gründe für die Restaurierung […] architektonischer Banalitäten und Monstrositäten, an denen sich bis heute diejenigen ergötzen, die immer noch die Aura des „Führers“ suchen?“ (Zeit.de 2014: o.S.) Er kritisiert dabei einen „florierende[n] Erinnerungstourismus“, der immer weniger mit historisch-kritischer Aufklärung oder Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins zu tun hat. Ähnlich sieht dies der Gründer des Architektenverbands „Baulust“, Josef Reindl. „Für Hitler dürfte man keinen einzigen Stein auf den anderen richten“ (Nordbayern.de 2015: o.S.) plädiert er für einen kontrollierten Verfall des Geländes.

Der Architektenverein befasst sich seit Jahren mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. So warnt man in einer Stellungnahme: „Eine Generalinstandsetzung läuft Gefahr, die von den nationalsozialistischen Bauherren intendierte Botschaft der Dauerhaftigkeit und Wehrhaftigkeit von Regime und Ideologie ungebrochen stehen zu lassen – eine fatale Botschaft für einen ‚Lernort der deutschen Geschichte‘.“ (Baulust 2016: 4) Sie kritisieren das finanzielle Ungleichgewicht der baulichen zu den pädagogischen Maßnahmen. „Die geplanten finanziellen Investitionen in bauliche Maßnahmen stehen in keinerlei sinnvollem Verhältnis zu den Investitionen in pädagogische Maßnahmen.“ (ebd.: 3) Des Weiteren kritisieren sie das Fehlen einer genauen Konzeption für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Gelände (ebd.: 2).

2017 ging eine Initiative an die Öffentlichkeit, die sich für einen „kontrollierten Verfall einsetzt. Der Philosoph Reinhard Knodt hat einen Aufruf gestartet, in dem das Areal des Zeppelinfeldes zu einer „Gartenlandschaft“ (Stumberger 2017: o.S.) umgewandelt werden soll. Das Gebäude solle dabei zu einer „mahnenden Ruine“ werden (ebd.). „Mein Vorbild sind die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Die Anlage umfasst Gartenanlagen aus diversen Teilen der Welt: von China bis Mexico, vom englischen bis Renaissance-Garten. Ein schönes Symbol. Das wäre es auch für Nürnberg.“ (Przybilla 2017: o.S.), wird er in einem Interview zitiert. Den Aufruf unterzeichneten über 140 Autor_innen, Künstler_innen und Architekte_innen, darunter Hans Magnus Enzensberger oder Hermann Glaser.

360-Grad Luftaufnahme
vom Zeppelinfeld.

In welche Richtung soll es gehen? Die Diskussion um eine bauliche Instandhaltung spaltet die Gemüter.

KOMMENTAR

Abschließend ein Kommentar des Autors des Projekts „Kontrolliert | Verfallen“, Steffen Suuck.

DIDAKTISCHE MÖGLICHKEITEN EINER INSTANDSETZUNG NUTZEN

Mit den geplanten Maßnahmen an der Zeppelintribüne und des Zeppelinfeldes hat auch die Frage nach einer zukünftigen historischen Aufarbeitung/Vermittlung wieder eine größere Bedeutung erhalten. Die pädagogischen Konzepte der Stadt (Zugänglichkeit vergrößern, eine bessere Infrastruktur zur Orientierung anzubieten und die Erweiterung der bisherigen Arbeit im Dokumentationszentrum auf das Gelände selbst) stellen m.E. richtige Weichen für eine Aufklärungsarbeit der Zukunft. Mit dem Wegfall der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen der NS-Zeit müssen neue Wege in der Vermittlung gefunden werden. Dabei sollte u.a. auch der Einsatz neuer Medien verstärkt werden. Durch Guckkästen und eine App für mobile Endgeräte sollen so Besucherinnen und Besucher eine bessere Möglichkeit erhalten, das Gelände entweder auf eigene Faust oder in Form von geführten Gruppen zu erkunden.

Eines der zentralen Ziele des Projekts „Kontrolliert | Verfallen“ sollte es sein, neue didaktische Instrumente im Bereich der Auseinandersetzung mit „historischen Orten“ zu testen. Diese didaktischen Tools der Homepage könnten auch für die weitere Planung und Entwicklung von multimedialen Angeboten auf dem Gelände selbst von Interesse sein. So könnten beispielsweise entweder vermittelt über eine geplante App oder in Form einer Informationsstelle („Sehepunkte“) die Vergleichsbilder über den früheren und heutigen Zustand des Geländes ein interessantes didaktisches Element im Bereich der ästhetischen Bildung darstellen. Durch das spielerische „Wischen“ zwischen den Zeitebenen können Reflexions- und Diskussionsprozesse nach der Wirkung von Architektur entstehen. Eine weitere interessante Möglichkeit stellen sogenannte „Virtual Reality“-Angebote da. Die auf der Homepage bereit gestellten „360-Grad Bilder“ geben dem Betrachter/der Betrachterin die Möglichkeit, sich virtuell in einem Raum „umzusehen“ und dabei verschiedene Perspektiven auszuprobieren. Dabei wurden mittels einer Kamera-Drohne auch Bilder mit Perspektiven gemacht, die im normalen Leben so nicht möglich sind. Sie könnten auch für eine App auf dem Gelände interessant sein. Seit einigen Jahren gibt es für Smartphones sogenannte „Virtual Reality Brillen“, bei denen das Smartphone in die Brille gesteckt wird. Durch eine Zusatzsoftware kann so das Smartphone Projektionsfläche virtueller Welten werden. So ist es beispielsweise möglich, die in dem Projekt entwickelten 360-Grad Bilder für eine VR-Brille zu nutzen. Beim Aufsetzen der Brille kann der Betrachter/ die Betrachterin sich durch die Bewegungssensoren des Smartphone mittels Körperdrehung umsehen. So könnten virtuelle „Aussichtsplattformen“ geschaffen werden, die Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit gibt, das komplette Areal besser zu verstehen. Da das Gelände mit seiner riesigen Fläche kaum per Fuß komplett erkundet werden kann, ergibt sich so eine Gelegenheit, weiter entfernte Gebäude des Geländes auch den Besucherinnen und Besuchern vorzustellen, die keine kilometerweiten Strecken laufen möchten oder können. Das hätte gleichzeitig den Vorteil, dass die von der Stadt geplante intensivere Beschäftigung mit der Geschichte des Geländes im Zweiten Weltkrieg und nach 1945, hier didaktisch aufbereitet werden könnte. Dabei sollte vor allem der ehem. „Bahnhof Märzfeld“, an dem 1941 und 1942 über 2000 Juden deportiert wurden, eine besondere Rolle einnehmen. Der Ort ist zu Fuß kaum vom Dokumentationszentrum aus zu erreichen und bedarf dringend einer erweiterten Aufbereitung. Weiterhin könnten „Virtual Reality“-Anwendungen dahingehend Verwendung finden, Besucherinnen und Besuchern vor Ort die Möglichkeit zu geben, die Perspektive eines Teilnehmers oder Besuchers auf dem Gelände einzunehmen. So könnte auf eine didaktisch neuartige Weise die Wirkung beispielsweise des Lichtdoms verdeutlicht werden. Technisch müssten dafür entweder historische Fotografien vom Gelände in ein 360-Grad Bild umgewandelt werden oder andererseits mittels einer Animation rekonstruiert werden. Solche interaktiven Anwendungen dürfen dabei jedoch nicht für sich alleine stehen. Die Gefahr, reines „Infotainment“ zu erzeugen, wäre zu groß. Das könnte möglicherweise sogar dazu führen, den Ort erneut mythisch „aufzuladen“. Vielmehr sollten solche Anwendungen immer gleichzeitig dekonstruiert werden, um die Dialektik von „Faszination und Gewalt“ zu begreifen.

Des Weiteren könnten beispielsweise über sog. „QR-Codes“ an bestimmten Informationsstelen, tiefergehende Informationen über das Gelände oder bestimmte Elemente der Reichsparteitage selbst erläutert werden. Auch hier gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Informationen didaktisch aufzubereiten. Möglich wären hier interaktive Informationskarten, Fotogalerien oder kleinere Videoclips, ähnlich aufgebaut wie in dem hier vorgestellten Projekt „Kontrolliert | Verfallen“. Zusammenfassend zeigt sich, dass in der Einbindung neuer Medien auf dem Gelände große Potentiale stecken. Das Ziel sollte die Entwicklung eines „Multimedia-Guide“ sein, mit Hilfe dessen sich die Besucherinnen und Besucher auf dem weitläufigen Gelände orientieren können. Mögliche Laufrouten sollten in diesem Guide enthalten sein. Dazu soll er die bereits vorhandenen Informationsstelen ergänzen um multimediale und interaktive Elemente. Gleichzeitig kann ein solcher Multimedia-Guide die bisher nur zweisprachig angebotenen Informationen des Geländeinformationssystems durch erweiterte Sprachangebote ausweiten. Sofern sich für eine Variante einer App entschieden werden sollte, die auf dem eigenen mobilen Endgerät benutzt werden soll, gibt es weiterhin große Potentiale einer Nachbereitung eines Geländebesuchs. Die angebotenen Informationen und multimedialen Anwendungen können so zuhause, in der Schule, dem Studium etc. noch einmal vertiefend analysiert werden.

Plädoyer für ein erweitertes Bildungsangebot.
Die Skulpturen „Overkill I + II“ von Hans-Jörg Breuste sind die einzigen dauerhaften Kunstinstallationen auf dem Gelände.

KUNST AUF DEM PARTEITAGSGELÄNDE

FOTOPROJEKT VON STEFFEN SUUCK 

KUNST AUF DEM GELÄNDE

Die Vorzüge einer möglichen Instandsetzung überwiegen nach Meinung des Autors dieser Zeilen, wenn sie nicht reiner Erhaltungswille sondern Mittel einer durchdachten Vermittlungsarbeit ist.

Trotzdem können die Kritiker verstanden werden, die eine Investition von  Millionensummen für eine Reparatur schlecht gebauter Naziarchitektur skeptisch gegenüberstehen. Im Mittelpunkt der Diskussion sollte deshalb nicht eine reine „ja“-oder-„nein“-Debatte stehen, sondern tiefergehende Fragestellungen, welches „Potential“ das Gelände für eine zukünftige Auseinandersetzung mit der Geschichte von 1933-1945 hat. Der Vorschlag der Umfunktionierung zu einer Gartenlandschaft kann, so der Autor dieser Zeilen, keine hinreichende Antwort auf die Naziarchitektur des Geländes sein. Im Gegenteil könnte eine wie auch immer gestaltete Gartenanlage auf dem Zeppelinfeld, einer historisch-politischen Bildungsarbeit sogar im Wege stehen. Gleichzeitig könnte das auch Assoziationen wecken, dass nun „endlich einmal Gras über die Sache“ wachsen lassen solle. Die Kritik der Unterzeichner dieser Initiative weist trotzdem auf ein bestehendes Problem hin: In den Konzepten wird die zukünftige historisch-politische Arbeit zwar sehr dezidiert erläutert. Jedoch werden kaum Möglichkeiten aufgezeigt, welche weiteren Formen des Umgangs mit dem Gelände zukünftig möglich werden sollen. Durch die spezifische Eigenart des Geländes in seiner Mischnutzung und der Tatsache, dass es kein Ort der „Opfer“ ist, ist der „Spielraum“ möglicher Formen der Auseinandersetzung groß. Anstelle der Umfunktionierung in eine Gartenlandschaft sollte lieber ein detailliertes „Kunstkonzept“ auf dem ehem. Reichsparteitagsgelände entwickelt werden. Künstlerische Installationen auf dem Gelände sollen dabei ein Zeichen demokratischer und pluralistischer Gesellschaft sein und gleichzeitig den Blick auf die Geschichte des Geländes schärfen. Die Stadt hat zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Gelände 2011 ein Papier vorgelegt, welches jedoch nur relativ vage und „vorsichtige“ Vorschläge bietet. Sie schlagen vor, dass in Analogie zu den Münsteraner „Skulptur Projekte“ alle paar Jahre temporäre Installationen präsentiert werden, die sich mit den Gebäuden selbst und ihrer Geschichte auseinander setzen (vgl. Stadt Nürnberg 2011: 4). Ansonsten gibt es bisher relativ wenig Vorschläge, wie künstlerische Installationen das Gelände interessant machen könnten. Gewiss hätte eine Art „Skulptur Projekte Reichsparteitagsgelände“ seinen Reiz, jedoch bietet das Gelände m.E. viel größere Möglichkeiten. Ein Beispiel für eine weitere künstlerische Auseinandersetzung könnte eine Art „Projektions-biennale“ sein, wie sie alle zwei Jahre in Bad Rothenfelde durchgeführt wird. Internationale Künstlerinnen und Künstler präsentieren dabei Filme und Animationen, die auf das dort ansässige Gradierwerk projiziert werden. Die Idee einer Lichtkunstprojektion auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände hätte einen besonderen Charme, indem die Gebäude einer totalitären und faschistischen Ideologie so zu einer Projektionsfläche, einem „Träger“, von internationalen Künstlerinnen und Künstlern wären, die sich mit den Themen „Krieg und Frieden, Zusammenleben und Internationalität“ auseinandersetzen. Auch wäre es möglich, dabei sogenannter „Entartete Kunst“ auf die Gebäude zu projizieren als ein Zeichen des Sieges über das Hakenkreuz. Eine solche Lichtprojektions-biennale könnte im Sinne einer „Dekonstruktion“ des Mythos „Reichsparteitage“ einen nachhaltigen Effekt haben.

Neben solchen künstlerischen „Highlights“ sollte das Gelände aber auch steter Ort von künstlerischen Auftritten sein. Eckart Dietzfelbinger hat in einem Interview für das Projekt davon berichtet, welchen Effekt der Auftritt Serdar Somuncus hatte, als er im sog. „Goldenen Saal“ aus „Mein Kampf“ vorgelesen hat. Der Ausschnitt des Interviews kann auf der Homepage des Projekts angeschaut werden.

Des Weiteren könnte im Sinne einer „demokratischen Inbesitznahme“ des Geländes, an bestimmten Stellen in der Nähe beispielsweise der Zeppelintribüne, freie „Grafittiwände“ aufgestellt werden, die jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Möglichkeit bieten, künstlerische Formen der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu entwickeln. Dabei spielt gerade der Aspekt der freien Nutzung eine große Rolle. So soll es keine Jury geben, die darüber entscheiden, wer dort künstlerisch aktiv werden kann, sondern sie sollen in einer Art „Selbstverwaltung“ ein Zeichen setzen, dass an dem einstigen Ort der Machtausübung eines totalitären Staates, heute jede/r die Möglichkeit hat, sich auszudrücken. Sozusagen eine Art künstlerische „Speaker’s Corner“.

Die Möglichkeiten der Kunst auf dem Gelände sind bei weitem nicht ausgenutzt. Die Stadt sollte sich in Zukunft dahingehend beschäftigen, wie neue und andere Formen der Aufarbeitung mit der historisch-politischen Bildung auf dem Gelände in Einklang zu bringen sind.


LITERATURVERZEICHNIS

 
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  • Stadt Nürnberg (2016b): HISTORISCHER ORT Reichsparteitagsgelände. Konzeption der künftigen Vermittlungsarbeit. Nürnberg. Online verfügbar unter https://museen.nuernberg.de/fileadmin/mdsn/pdf/Dokuzentrum/Downloads/Zukunft_Reichsparteitagsgelaende/nutzungskonzept-reichsparteitagsgelaende.pdf, zuletzt geprüft am 25.07.2017.

  • Stadt Nürnberg (2016c): Nutzungs- und Vermittlungskonzept für den historischen Ort Reichsparteitagsgelände. Online verfügbar unter http://www.nuernbergkultur.de/fileadmin/editors/pdf/20160704PM_Konzept_Zeppelintribuene.pdf, zuletzt geprüft am 25.07.2017.

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